27/10/2015

Kinderspielzeug selber machen – aber sicher!

In der Vergangenheit habe ich euch des öfteren Ideen zur einfachen Erstellung von Kinderspielzeug geliefert. Insbesondere in der Vorweihnachtszeit wird dieses Thema wieder brandaktuell, sollen doch sicherlich auch dieses Jahr wieder einige selbstgenähte Puppen oder Puppenkleider, selbstgemachte Spielküchen oder Spielküchenzubehör und selbstgehäkelte Greiflinge oder Kuscheltücher unter dem Weihnachtsbaum landen.

Bisher habe ich bei meinen Tipps eine ganz entscheidende Sache außer Acht gelassen (oder nur sehr oberflächlich behandelt): Die Sicherheit!

Wenn wir Spielzeug kaufen, ist es uns sehr, sehr wichtig, dass es sich dabei um sicheres Spielzeug handelt: Das Spielzeug für die Kleinsten soll so beschaffen sein, dass sich keine Kleinteile lösen. Farben und Lacke sollen frei von Stoffen sein, die der Gesundheit unserer Kleinen schaden könnten. Wir haben in den Medien oft und viel über das schädliche Formaldehyd gelesen. Wir hoffen, dass es im Holzspielzeug unserer Kinder nur in geringen Mengen vorkommt. Und doch müssen wir Jahr für Jahr in den Testberichten der Stiftung Warentest und Öko-Test lesen, wie viele Gefahren in den Spielzeugen lauern: Allergene Duftstoffe in Puppen, leicht zu öffnende Nähte bei Kuscheltieren oder verschluckbare Kleinteile an Puzzles für Kleinkinder.

Nun sind wir mal ehrlich zu uns selber: Bei den gekauften Spielzeugen machen wir uns Sorgen, stellen wir selber her, so gehen wir davon aus, dass es gut ist. Doch ist das wirklich so?

Ich habe mich ein wenig in die Materie eingearbeitet und kann euch sagen, dass die Hersteller von Kinderspielzeug wirklich keine leichte Aufgabe haben. Allein schon die Flut an Richtlinien, Verordnungen und Normen, die es einzuhalten gilt: das Produktsicherheitsgesetz, die Richtlinie über die allgemeine Produktsicherheit 2001/95/EG, die Verordnung über die Sicherheit von Spielzeug, die Spielzeugrichtlinie 2009/48/EG, die Normenreihe DIN EN 71 zur Sicherheit von Spielzeug, die REACH-Verordnung, die Bedarfsgegenständeverordnung, die Chemikalienverbotsverordnung und so weiter und so fort. Puh…

Wer sich ernsthaft mit der Materie auseinander setzen möchte, dem empfehle ich als Einstieg die Spielzeugrichtlinie 2009/48/EG und zur Vertiefung die Normenreihe DIN EN 71 zur Sicherheit von Spielzeug. Diese ist kostenpflichtig, kann aber an den DIN-Normen-Auslagestellen (auch Normen-Infopoints genannt) kostenlos eingesehen werden. Kleiner Tipp vorweg: Bringt viel Zeit mit, denn all die oben genannten Werke sind überaus umfangreich.

Doch zurück zur Ausgangsfrage: Wie können wir als Endverbraucher sicheres Spielzeug für unsere Kinder herstellen? Ich möchte diese Frage in zwei Bereiche unterteilen: Zum einen die mechanischen und physikalischen Gefahrenquellen und zum anderen die bedenklichen Inhaltsstoffe.

Was die mechanischen und physikalischen Gefahren angeht, appeliere ich an euren Menschenverstand! Viele dieser Gefahren erkennt ihr als Eltern ganz instinktiv: Scharfe Kanten, spitze Drähte, lange Kordeln (Strangulationsgefahr), verschluckbare Kleinteile (im Zweifelsfall kann euch ein günstiger Prüfzylinder für verschluckbare Kleinteile weiter helfen), usw. Daneben solltet ihr euch überlegen, ob es zu weiteren Gefahren kommen kann, wenn euer Kind mit dem Spielzeug spielt: Kann es sich womöglich irgendwo die Finger quetschen? Besteht Erstickungsgefahr durch Plastikfolien oder ähnliches? Ist die Standfestigkeit sichergestellt oder kann es schnell umkippen (z.B. bei Spielküchen, Puppentheatern o.ä.)? Seid ihr euch unsicher, so empfehle ich euch vor allem die Lektüre der DIN EN 71-1. Möchtet ihr ein Aktivitätsspielzeug bauen, also zum Beispiel ein Spielhaus oder ein Klettergerüst, so wäre auch die DIN EN 71-8 von Interesse.

Kommen wir nun zu den unzähligen bedenklichen Inhaltsstoffen, die im Spielzeug stecken könnten. Hier haben wir als Endverbraucher ziemlich schlechte Karten. Nehmen wir ein Beispiel: Wir wollen eine Spielzeugküche oder ein einfaches Holzpuzzle für ein zweijähriges Kind herstellen. Die Spielzeugrichtlinie listet dazu bestimmte Grenzwerte für unterschiedliche Schwermetalle auf, Verbote für 55 allergene Duftstoffe, Einschränkungen für 11 weitere allergene Duftstoffe, Verbote für als karzinogen, mutagen oder reproduktionstoxisch eingestufte Stoffe, und so weiter und so fort. Gehen wir nun mit diesem Wissen in den Baumarkt, um das Holz für unsere Spielküche oder das Puzzle zu erwerben. Die MDF-Platten und die Spanplatten, die wir dort antreffen, sind mit allerlei hübschen Siegeln versehen: Zum Beispiel das FSC-Siegel, welches uns auf nachhaltige Forstwirtschaft aufmerksam macht. Das ist sicherlich sinnvoll, hilft uns aber bei unserer eigentlichen Fragestellung kein Stück weiter. Oder die Bezeichnung “E1″, welche sich auf den Formaldehydgehalt, der vom Material an die Raumluft abgegeben wird, bezieht. Auch nicht schlecht, aber bei weitem nicht ausreichend. Kurzum: Im gesamten Baumarkt werden wir kein Plattenmaterial finden, von dem wir wirklich sicher sein können, dass es für unser zweijähriges Kind unbedenklich ist!

Ihr ahnt es schon: Auch die Suche nach geeignetem Kleber, Stoff, Garn oder Füllmaterial wird uns vor große Herausforderungen stellen.

Am Rande der Verzweiflung schrieb ich die Stiftung Warentest sowie Öko-Test an, um mir Hilfe zu holen. Schließlich wollte ich euch irgendwelche unbedenklichen Materialien empfehlen können.

Die Stiftung Warentest antwortete, dass sie mir nicht weiter helfen könne. Schade.

Öko-Test hingegen lieferte mir eine sehr umfangreiche Antwort und schrieb gleich vorweg: “Wir stimmen mit Ihrem Recherche-Ergebnis, dass es leider keine einfache Antwort gibt, überein.”

Der Test für Holzwerkstoffplatten aus dem Jahr 2011 geht von einem Einsatz beim Bauen und nicht bei der Herstellung von Spielzeug aus. Somit ist er für uns nur sehr bedingt hilfreich.

Der Test der Bastelmaterialien klingt vielversprechend. Fürs Herstellen von Babyspielzeug eigenen sich die getesteten Produkte allerdings auch nicht.

Und auch der Klebstofftest bezog sich nicht auf den Einsatz von Klebstoff bei der Herstellung von Kinderspielzeug.

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass die Prüfinstitute bisher hauptsächlich fertige Spielzeuge getestet haben und nicht auf die Idee gekommen sind, Spielzeugkomponenten oder -materialien zu testen, aus denen die Eltern oder Großeltern dann selber Spielzeug herstellen können.

Ich hätte euch wirklich gerne konkrete Materialien oder Anbieter genannt, doch ich konnte auch nach langer Recherche nichts und niemanden finden… Kein Material, von dem ich wirklich sicher war, dass es den hohen Anforderungen genügt. Insofern kann ich euch lediglich eine grobe Richtung vorgeben:

Ich empfehle Vollholz, denn es enthält keinen Leim oder andere Zusätze. Dennoch könnte es sein, dass das Holz durch Schwermetalle belastet ist, weil es auf einem belstaten Boden gewachsen ist.

Für alle Näh-, Strick- und Häkelbegeisterten empfehle ich, auf GOTS-zertifizierte Stoffe, Garne, ect zurückzugreifen.

Ansonsten kann ich nur empfehlen, auf möglichst viele Materialien zu verzichten (bzw nur in geringen Mengen zu verwenden), die gefährliche Stoffen enthalten könnten. Dazu zählen Farben, Lacke, Lasuren, Kleber, gefärbte oder geklebte Ausgangsmaterialien, Leder, Plastikfolien und weiche Plastikmaterialien. Ihr könnt diese Liste beliebig fortsetzen.

Ich hoffe, ich habe euch den Spaß an der Erstellung eigener, mit Liebe gemachter Spielzeuge nun nicht restlos verdorben…

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