08/04/2011

Selbstversuch: Leben ohne Handy

“Jetzt brauche ich nur noch deine Handynummer.” Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört und sofort gewusst, dass gleich ein paar Erklärungen fällig werden. Denn meine Antwort lautet stets: “Ich habe gar kein Handy.” Um genau zu sein: Ich habe keins, ich hatte noch nie eins und ich habe auch nicht vor, mir eines anzuschaffen. Was folgt sind große Augen und eine kurze Schrecksekunde. “Kein Handy? Warum???” Ich könnte viele Gründe nennen. Hier mal eine Auswahl:

1. Es klingelt immer zu falschen Zeit. Die typische Antwort meines Gegenübers: “Dann stell es doch auf lautlos oder schalt es aus.” Und meine Antwort: “Dann wäre es immer aus!”

2. Kennt ihr diese Leute, die ständig auf ihr Handy schauen? Fühlt man sich da nicht etwas … überflüssig? Ja, genau. Ich finde, ein Handy lenkt ab. Von der Umwelt, vom Geschehn, vom eigentlichen Leben.

3. Coltan. “Bitte was?” Ohja, ich weiß, dass ich mich durch dieses Argument nur in noch größere Erklärungsnöte manovriere. Von Coltan scheint der Großteil der Menschheit noch nichts gehört zu haben. Hier die Erklärung: Coltan ist ein Erz, dessen Hauptlagerstätte in Zentralafrika liegt. Der Coltan-Abbau konzentriert sich im wesentlichen auf die Kivusee-Region in der Demokratischen Republik Kongo. Die Arbeitsbedingungen sind sehr schlecht. Es gibt Kinderarbeit. “Kongo? Gabs dort nicht mal Bürgerkrieg?” Ja, genau. Während des Bürgerkriegs kam es wegen mangelnder staatlicher Überwachung zu planlosen Bergbauaktivitäten und daraus resultierten gravierende Umweltschäden. Unter anderem wurden größere Flächen des schon stark reduzierten Lebensraumes der Gorillas zerstört. “Oh.” Aber es kommt noch besser: Der Coltan-Abbau sorgte dafür, dass neue Waffen für den Bürgerkrieg gekauft werden konnte. Oder ganz verkürzt ausgedrückt: Unser Coltan-Kauf fördert den dortigen Bürgerkrieg. “Aber ich kaufe doch gar kein Coltan.” Doch! In jedem Handy steckt Coltan!

4. Das Handy, ein Statussymbol. Fragte man noch vor Jahren, wer das kleinste Handy hat, so fragt man heute, wer das Handy mit den meisten und besten Funktionen hat. Ich kenne kaum jemanden, der nicht in regelmäßigen Abständen (sei es jedes Jahr oder gar noch häufiger) sein Handy wechselt, da das Alte nicht mehr den Ansprüchen genügt. Nicht besonders klimafreundlich, finde ich.

5. Handystrahlung. Schlimm, schlimmer, ganz harmlos? Wer weiß das schon. Gar kein Handy zu haben ist auf jeden Fall die harmloseste Variante.

6. Die Kosten. “Ja, aber was machst du denn, wenn du mal dringend ein Handy benötigst?” Auch das kommt vor. Etwa einmal im Jahr. Früher hat man sich zu solchen Gelegenheiten eine Telefonzelle gesucht. Denn dort, wo man wirklich dringend ein Handy benötigt (zum Beispiel am Bahnhof, um zu sagen, dass der Zug mal wieder Verspätung hat), gibt es meist auch eine Telefonzelle. Oder gab es mal. Denn heute haben ja alle Leute ein Handy. Daher greife auch ich etwa einmal im Jahr zur wandelnden Telefonzelle. Ich frage eine x-beliebige Person, ob ich mal ihr Handy benutzen dürfe. Ich sei auch bereit, einen Euro dafür zu bezahlen. Stolz erklärt mir die angesprochene Person “Klar, ich hab sogar ne Flatrate. Alles kostenlos.” Strahl, protz. (Oh, befinden wir uns wieder bei Punkt 4?) Und so komme ich – wann immer ich will – kostenlos an ein Handy meiner Wahl.

09/04/2011

Hi Anke, das kommt mir bekannt vor. Allerdings bin ich irgendwann (2005?) umgezogen, hatte kein Festnetz und hab mir dann mein erstes Mobiltelefon gekauft. Und mein aktuelles (zweites) kann absolut nicht als Statussymbol herhalten ;-) .
Aber stimmt schon, mit den “Handy” (was für ne Wortschöpfung!) hat die Industrie endlich wieder was gefunden, was man dem übersättigten westlichen Verbraucher als “must-have” unterjubeln kann. Ich lass das Teil oft einfach Zuhause liegen. So hält es länger und nervt nicht.

christian

14/04/2011

Hallo! Sehr gute Vorausetzungen… Ja, der Handy macht gesellschaftliche Leben kaputt, die Leute koennen sich nicht mal verabreden, “Dienstag um 20:00 !”, man behaelt immer die Möglichkeit, ein kurzen sms zu schreiben, “ich komme mit Verspätung” auch wann um 20:05 hat man es schon bemerkt… das Handy tötet die wahre Beziehungen zwischen Menschen!
Das Problem ist: wer kein Handy hat, hat es schwer genau andere Leute zu treffen, da kommt immer wieder “ich ruf dich an, wenn ich zum Innenstadt komme!”
Alles klappt nach wie vor ohne Handy, AUSSER dass es beunruhigt…
Und: wer kein Handy hat, soll auch (auch ein mal pro Jahr!) den von anderen Leute nicht benutzen. Kann auch ; abhängig davon, wie du die Leute um dich endoktrinierst oder nicht! ;) Genau sowie der Typ, der sagt “ich hab kein Auto, es ist schlecht für die Umwelt”, der alle Wege mit Fahrrad fährt… ausser laengere Strecken, wo… er trampt! …und sagt dabei “ja aber es ist nicht MEINE Auto ; ich bin nicht schuld!”

….Mmh war das ein verständliches Kommentar :-/ ?
Also im Grunde: Bravo! Bin einverstanden! ;) sylh.

Sylh

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